„Ich will hier raus“ – ein Härtefall
Die erste Information
Eine Anruferin. Ihr Sohn habe Angst, sagt sie, Todesangst. Er sei Nazi, einer aus der "Arischen Bruderschaft". Jetzt mit 26 Jahren wolle er aussteigen, nach 12 Jahren. Auch ihre anderen Kinder, ein weiterer Sohn und eine Tochter, gehörten dazu, erzählt die allein erziehende, arbeitslose Mutter. Sie sucht Hilfe und will, dass der Sohn das Nazitum hinter sich lässt, endlich „normal“ wird, damit die Polizei nicht laufend kommt und er nicht Dauergast beim Staatsanwalt und bei Gericht ist. Marco prügele sich oft, für Deutschland, für die „weiße Rasse“ und gegen die „Kanakenbrut“. Auch das Jugendamt helfe nicht, denn dort kenne man sich nicht aus. Mit der Polizei sei es auch so eine Sache: „Die fragen einen aus und stellen einen ab. Ohne Schutz steht man im Regen“, meint die Anruferin noch.
Bewertung der Information
- Die Ausgangssituation ist typisch, das Verhalten der Mutter glaubhaft.
- Die rechtsextreme Szene ist aufgestachelt, zur Rache bereit und auch fähig. Es handelt sich um die militante Fraktion.
- Eine unmittelbare Gefahr für Marco, möglicherweise auch für die Mutter, ist gegeben.
- Beide brauchen Hilfe.
Was tun?
- Direkte Kontakte mit der Mutter und Marco herstellen, „Konspirationsregeln“ beachten.
- Zuerst über Sicherheitsmöglichkeiten von Marco und der Mutter beraten, die Gefahren und die Gefährder genau bestimmen, Abwehrmaßnahmen konzipieren, Partner des Vertrauens einbeziehen, auf die Geschwister achten.
- Die Polizei mit klarem Konzept ansprechen und Schutz einfordern.
- Neue Lebensperspektiven mit Marco und seiner Mutter entwerfen, neue Kontakte gezielt anbahnen.
- Aufarbeitung der Vergangenheit beginnen, erforderliche psychologische Hilfen planen und organisieren.
- Regeln der Hilfe und Zusammenarbeit mit der Mutter und Marco entwickeln, Krisenszenarien und Hilfevarianten aufbauen.
- Fachleute konsultieren (Sicherheitsbeamte, Ausstiegsprofis, Psychologen, Juristen), sich beraten lassen, wenn nötig, psychologische Hilfen planen und organisieren.
Den Fall an eine Aussteigerorganisation weiter geben, wenn eigene Fähigkeiten und Möglichkeiten nicht ausreichen. Auf keinen Fall Experimente wagen, wenn die eigenen Fähigkeiten überschritten werden.
Autor:
Bernd Wagner