Ministerium für Generationen,
Familie, Frauen und Integration
des Landes Nordrhein-Westfalen
Horionplatz 1
40213 Düsseldorf
Ansprechpartner
Herr Dr. Harald Bergsdorf
Kontakt
Tel.: 0211-86184639
Landeszentrale für politische Bildung
Nordrhein-Westfalen
Horionplatz 1
40213 Düsseldorf
www.lzpb.nrw.de
Beratungsnetzwerk Nordrhein-Westfalen
Mit der Einrichtung von fünf Regionalstellen werden in Nordrhein-Westfalen Beratungskompetenzen an verschiedenen Orten vorgehalten. Regionale Ansprechpartner gibt es in den Regierungsbezirken Arnsberg, Detmold, Düsseldorf, Köln und Münster. Beim Erkennen einer Krisensituation durch Betroffene, örtlich zuständige Ansprechpartner oder einem Mitglied des Beratungsnetzwerkes wird die Landeskoordinierungsstelle bei der Landeszentrale für politische Bildung unmittelbar informiert. Zusammen mit den regionalen Berater/-innen wird ein Mobiles Interventionsteam zusammengestellt, welches über die erforderlichen Beratungskompetenzen verfügt und vor Ort aktiv wird. Das Beratungsnetzwerk in Nordrhein-Westfalen kooperiert mit allen relevanten Einrichtungen auf Landesebene – aus der Jugendarbeit, der Migrationsarbeit, der politischen Bildung, Sport und Kultur.
Mitglieder des Beratungsnetzwerks
Im nordrheinwestfälischen Kommunalwahlkampf setzten Rechtspopulisten ahnungslose Azubis einer Edelstahlgießerei auf ihre Kandidatenlisten. Das Unternehmen suchte und fand Rat bei der Mobilen Beratung in Köln.
Am Appellhofplatz mitten in Köln. Hier befindet sich das EL-DE Haus - Gedenkstätte, Museum und Forschungsstelle und bereits im Rahmen des europäischen "Museum of the Year Award" ausgezeichnet. Von 1935 bis zum Kriegsende 1945 war dies Sitz der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Erst 1988 richtete die Stadt Köln dort ein NS-Dokumentationszentrum ein, engagierte Bürger/-innen hatten darauf gepocht. Seitdem wird hier nicht nur über Nationalsozialisten in der Vergangenheit aufgeklärt, sondern auch über Neonazis in der Gegenwart.
Aus diesem Grund befindet sich auf einem der Flure das Büro der Kölner Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus (ibs), eine städtische Beratungsstelle gegen Rassismus. Deren Mobile Beratung wird gefördert vom Bundesprogramm „kompetent. für Demokratie." An diesem Tag sind zwei Vertretern eines mittelständischen Unternehmens aus Radevormwald zur Beratung gekommen. Der stahlberarbeitende Betrieb ist dort mit 270 Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber und Ausbildungsbetriebe – und obendrein sozial stark engagiert.
Azubis für Rechtspopulisten?
Schon länger war der Firma bekannt, dass einer ihrer Azubis in der rechtspopulistischen „pro-NRW“-Bewegung agierte, doch als zu Beginn des nordrheinwestfälischen Kommunalwahlkampfs 2009 alle Wahllisten in der Presse veröffentlicht wurden, traute die Firmenleitung ihren Augen nicht: Drei weitere Azubis kandidierten für die Rechtsaußen. In der multikulturellen Belegschaft der Edelstahlgießerei wuchsen Sorgenfalten: Das bis dahin gute Betriebsklima stand auf dem Spiel – ebenso der weltoffene Ruf der Firma. Denn seit Mitte der 90ger Jahre gibt es einen innerbetrieblichen Wertekodex und dessen oberster Wert heißt: Toleranz – aber nicht für Intolerante.
Beunruhigt suchte die Firmenleitung das Gespräch mit den Azubis. „Von allen drei kam überraschend die Antwort, sie wüssten gar nicht, dass sie aufgestellt seien“, erinnert sich der Ausbildungsleiter. Ihr Kumpel habe sie nur gebeten, dessen Kandidatur mit ihrer Unterschrift zu unterstützen. Und unterzeichnet hätten sie dabei so allerlei Papiere.
Aufruf zur Nichtwahl
Wie in einem solchen Fall reagieren? Die Firmenchefs googelten durchs Netz und stießen auf das Kölner Beraterteam. Das handelte schnell und suchte als erstes das direkte Gespräch mit den drei Auszubildenden. Die Jugendlichen bestätigten die Schilderung der Betriebsleitung und suchten ihrerseits Rat, weil sie sich durch „pro-NRW“ übertölpelt fühlten. Doch von der Wahlliste zurückzutreten ging nicht mehr – Änderungsfristen waren abgelaufen und die Wahlzettel im Druck. Als sinnvollsten Ausweg schlug das Beraterteam eine öffentliche Distanzierung vor und gemeinsam entstand ein Pressetext. „Wir rufen dazu auf, uns nicht zu wählen“, betonten die jungen Männer in ihrer Erklärung. Ihre Namen seien „nicht auf unseren Wunsch hin in die Liste aufgenommen worden“. Dazu kam ein Grundsatzstatement: „Wir lehnen ausdrücklich jede Form von Rechtsextremismus, Rassismus und Fremdenfeindlichket ab“.
Jetzt aber rollte die eigentliche Belastungsprobe auf das Unternehmen zu und zwei, drei Wochen lang fand der Beratungsprozess nahezu täglich eine Fortsetzung. Denn „pro-NRW“ zog alle Register und schmiedete aus dem Vorgang Wahlkampfmunition. „Brutalen Druck“ habe die Firma ausgeübt, eine „linke Politschulung“ duchgeführt und alle Azubis zur Teilnahme „zwangsverpflichtet“, war auf der Internetseite von pro-NRW zu lesen. Pro Köln-Anhänger deckten die Firma zusätzlich mit Protest-e-mails ein: „An die Herren im Vorstand Psychoterror gegen Andersdenkende in Ihrem Betrieb“, war eine davon überschrieben.
Pressearbeit gegen Rechtsaußen
„Das war schon heftig“, erinnern sich der kaufmännische Geschäftsführer und der verantwortliche Ausbildungsleiter beim Nachgespräch in Köln. Ohne die Mobile Beratung an ihrer Seite hätten sie „womöglich die Nerven verloren“ und sich durch die pro NRW-Propaganda „verunsichern lassen“. Durch die Unterstützung der beiden Berater verfaßte die Geschäftleitung hingegen in „produktivem Teamwork” zügig Antwortmails und Presserklärungen, konnte Eltern und Azubis beruhigen sowie eine Klage wegen Verleumdung gegen „pro-NRW“ auf den Weg bringen. Und im Betrieb fand eine identitätsstiftende Wertedebatte statt, in deren Folge die Jugendlichen einen eigenen Verhaltenskodex entwickelten.
Würden die Firma wieder so handeln und dafür sorgen, dass auch Öffentlichkeit von solch einem Vorgang erfährt? „Auf jeden Fall“, resümieren im Nachgang beide Seiten. „Letztendlich“, so bilanziert der Firmenchef nicht ohne Stolz, „haben wir drei unserer Azubis helfen können, rechtzeitig etwas auf ihrem Lebensweg zu korrigieren“.
Integrationsminister Armin Laschet zog heute (18. September 2009) in Düsseldorf eine erste Zwischenbilanz der Arbeit der Landeskoordinierungsstelle gegen Rechtsextremismus, die sich seit Ende 2008 um weit mehr als 50 rechtsextreme Fälle kümmert: „Die vielen Anfragen aus Zivilgesellschaft und Institutionen zum Umgang mit rechtsextremistischen Vorkommnissen vor Ort zeigen, wie wichtig es bleibt, Engagement gegen Rechtsextremismus weiter zu unterstützen.“
Um Rechtsextremismus wirkungsvoll zu begegnen, so der Minister weiter, bleibe kontinuierliche Gegenwehr wichtig - auch nach den jüngsten Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen, bei denen Rechtsextremisten nur in einem Teil des Landes kandidierten. In Sachsen sei es der NPD gelungen, in den Landtag zurückzukehren; in Thüringen habe sich die NPD bei der Landtagswahl prozentual mehr als verdoppelt. „Es gibt keinen Grund zur Entwarnung“, so Laschet.
Der Minister weiter: „Das Engagement der Landeskoordinierungsstelle als Seismograph und Kompass ist eine langfristige Aufgabe. Ihre Hauptaufgabe bleibt es, durch Hilfe zur Selbsthilfe die Zivilgesellschaft kontinuierlich gegen Rechtsextremismus und für Demokratie zu sensibilisieren und zu aktivieren. Wenn es die Landeskoordinierungsstelle nicht gäbe, müssten wir sie erfinden.“
Es sei beispielhaft, wie die Landeskoordinierungsstelle, die mit Bundesmitteln gefördert wird, vor Ort rechtsextreme Tendenzen untersucht und öffentlich macht, rechtsextreme Themen und Methoden jeweils analysiert, Aufklärung über rechtsextreme Symbolik/ Musik organisiert, Argumentationstraining gegen rechtsextreme Parolen anbietet, engagierte Demokratinnen und Demokraten berät und die Gesellschaft für jene Gefahren sensibilisiert, die von den verschiedenen Varianten des Rechtsextremismus ausgehen.
„Der beste Demokratieschutz ist das Engagement dafür. Deshalb ist es wichtig, die Zivilgesellschaft weiter gegen Rechtsextremismus zu stärken. Dazu wird das Land mit der Landeskoordinierungsstelle weiter seinen Beitrag leisten. In Nordrhein-Westfalen dürfen rechtsextreme Hetzer keinen Platz haben. Schlecht integrierte Deutsche wie Rechtsextreme dürfen keine Freiräume finden“, so der Minister abschließend.
Die Landeskoordinierungsstelle präsentiert aus den fünf Regierungsbezirken Köln, Düsseldorf (Wuppertal), Arnsberg (Unna), Münster (Ahlen) und Detmold (Kreis Herford) je einen konkreten Interventionsfall aus der Arbeit der mobilen Teams gegen Rechtsextremismus; je einen Fall, den die Landeskoordinierungsstelle und ihre örtlichen Partner entweder abgeschlossen oder weit vorangetrieben haben. Die einzelnen Fälle finden Sie auf der Internetseite der Landeszentrale für politische Bildung: www.politische-bildung.nrw.de/bunt-statt-braun oder direkt hier als download.