Im Mittelpunkt des Projektes stand die Entwicklung von Modellen, die demokratiefördernde Haltungen bis in die kleinste Jugendfeuerwehr vor Ort bringen und Unterstützungsstrukturen gegen rechtsextremistische Einflussnahme im Verband entwickeln. Ziel war es, sie in verbandsinterne Kommunikationsmodelle und externe Beratungsnetzwerke langfristig zu implementieren.
Abschlussdokumentation [PDF, 4,1 MB]
Das Modellprojekt „Jugendfeuerwehren strukturfit für Demokratie startete Ende 2008 mit einer kurzen Pilotphase. Seit Frühjahr 2009 läuft es in den sechs Bundesländern Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Ziel ist es, die demokratischen Prozesse und Strukturen im Verband zu stärken und Handlungsoptionen und Kommunikationswege aufzuzeigen. Die Mitglieder der (Jugend)Feuerwehr sollen so fit gemacht und ermutigt werden, sich mit Diskriminierung, Rasissmus und Rechtsextremismus auseinander zu setzen und bei entsprechenden Vorfällen kompetent reagieren und beraten zu können. Zusätzlich zur Sensibilisierung und dem Aufbau der Kommunikationsstrukturen wurde ein Handbuch entwickelt, welches die Ausbildung der Jugendleiter durch eine Schulung im Umgang mit rechtsextremen Vorfällen und Orientierungen ergänzen soll.
Im Dezember 2010 wird die Projektlaufzeit zunächst enden. Zeit, Bilanz zu ziehen, die getane Arbeit zu bewerten und zu klären, wie die entwickelten Strukturen und das generierte Wissen jetzt verstetigt und nachhaltig bewahrt werden können und welcher weitere Handlungsbedarf in Zukunft noch besteht. In einer Gesprächsrunde äußerten sich Nastassja Nefjodov, Koordinatorin des Modellprojektes bei der Deutschen Jugendfeuerwehr, Sebastian Greulich, Jugendforum der Jugendfeuerwehr Brandenburg, André Ragohs, Landesjugendfeuerwehrwart Brandenburg und Norbert Poppe, Coach und Projektbegleiter.
Wie bilanzieren Sie die Arbeit der letzten zwei Jahre? Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?
Greulich: Wir haben sehr effektiv gearbeitet und hatten sehr früh mit konkreten Fällen zu tun. Diese wurden gut und schnell gelöst, die Zusammenarbeit hat funktioniert.
Ragohs: Anfangs war ich sehr skeptisch. Aber schon nach der zweiten Veranstaltung konnten wir fruchtbare Ergebnisse übertragen. Es ist erstaunlich, was sich im Laufe des Projektes entwickelt hat.
Poppe: Die letzten zwei Jahre waren sehr intensiv. Es ist viel Aktion und viel Nachdenklichkeit bei den Akteuren entstanden. Eine Diskussion über die Identität des Verbandes wurde angestoßen. Am Wichtigsten war für mich der partizipative Ansatz: Es wurden keine Lösungen von außen herangetragen, sondern gemeinsam entwickelt. Das hat uns große Akzeptanz gebracht. Es hat sich eine Eigendynamik entwickelt, die meine Erwartungen übertroffen hat.
Nefjodov: Der Anfang war natürlich nicht ganz einfach. Es handelt sich um ein heikles Thema, das bisweilen auch unbequem sein kann und zu Ablehnung führte; obwohl den meisten klar ist, dass wir auch in den eigenen Reihen den einen oder anderen Vorfall haben. Die große Frage ist nur, wie wir damit umgehen können. Da haben wir eine große Unsicherheit wahrgenommen, die meiner Meinung nach auch der Grund für die anfängliche Skepsis war.
Doch weil die Fragen der Projektakteure in den Mittelpunkt der Projektarbeit gestellt haben, gingen viele Türen sehr schnell auf. Wichtig für den Zugang war, klar zu machen, dass es nicht darum geht den Verband an den Pranger zu stellen, sondern eine Auseinandersetzung zum Thema Demokratie zu fördern und den Verband zu ermutigen und dabei zu unterstützen sich klar gegen Rechtsextremismus zu positionieren.
Gibt es eine Art optimalen Ablauf bei rechtsextremen Vorfällen?
Poppe: Wir haben da in den sechs Ländern sechs verschiedene Modelle; es gibt keine einheitliche Vorgehensweise. Natürlich wird ein Handlungsansatz dafür entwickelt, wie ein Ablauf aussehen könnte. Von Fall zu Fall muss dann aber flexibel reagiert werden. Die konkrete Problemstellung wird besprochen, ein geeigneter Zuständiger aus der Gruppe bestimmt und hinterher der Erfolg der Vorgehensweise kontrolliert. So entwickelt sich der Umgang mit Vorfällen ständig weiter.
Wie schätzen Sie die Nachhaltigkeit des Projektes ein? Wo besteht Ihrer Meinung nach weiterer Handlungsbedarf?
Ragohs: Intern wurde der Handlungsbedarf oft nicht als so dringlich empfunden, wie er das nach außen hin tat. Hier muss nach wie vor stärker sensibilisiert werden. Die Zeit war zu kurz, um jeden an der Basis zu erreichen. Der Start war wichtig, aber eine Fortführung ist jetzt essentiell.
Nefjodov: Das Projekt ist deshalb nachhaltig, weil sich Leute gefunden haben, die es selbstständig weiterführen möchten. Es muss allerdings eine Form von Kontinuität und Dokumentation gewährleistet sein, damit die Strukturen übertragbar werden und das generierte Wissen für die „Nachrücker“ nutzbar gemacht wird. Man muss den Akteuren weiterhin Vernetzungs- und Austauschmöglichkeiten geben um sich auch die Ressourcen aus anderen Ländern erschließen zu können. Dann arbeiten wir wirklich nachhaltig.
Greulich: Das Projekt hat ja kein konkretes Ziel, es ist ständig wandelnd und muss deshalb flexibel bleiben. Wir haben viel erreicht, aber dabei wird es nicht bleiben.
Poppe: Die Akteure vor Ort sollten bedarfsgerecht weiterhin begleitet werden. Das hat sich als sehr hilfreicher Ansatz erwiesen und wird von den Beteiligten auch so gespiegelt. In der Feuerwehr wurde fachliche Expertise entwickelt und der Wunsch nach thematischer Arbeit geäußert: es ist sinnvoll, das weiter auszubauen. Die Jugendfeuerwehr hat mit ihrem Wissensdurst und ihrer Eigeninitiative andere Jugendverbände beeindruckt. Ich bin gespannt, mit welchen originellen Ideen und Ansätzen sie in Zukunft noch überraschen wird.




