Länderposter zum aktuellen Umsetzungsstand in Hessen

Flyer beratungsNetzwerk hessen

Mein Kind (k)ein Nazi?(!)

Mit der neuen Elterninformation „Mein Kind (k)ein Nazi?(!)" erscheint in Hessen eine Broschüre, die sich gezielt an Eltern und Angehörige von "rechten" Jugendlichen richtet.
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Hessisches Ministerium
des Inneren und für Sport


Friedrich-Ebert-Allee 12
65185 Wiesbaden

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Ansprechpartner
Wilfried Rexroth

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Tel.: 0611-834483

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Landeskoordinierungsstelle

Beratungsnetzwerk Hessen und
Mobile Intervention gegen Rechtsextremismus
beim Land Hessen
Hölderlinstr. 5
65187 Wiesbaden

www.beratungsnetzwerk-hessen.de



Beratungsnetzwerk Hessen

Dem beratungsNetzwerk hessen gehören zahlreiche Organisationen, öffentliche und freie Träger aus Hessen an. Sie unterstützen im Expertenpool kompetent und schnell die Mobilen Interventionsteams vor Ort. Die Landeskoordinierungsstelle beim „Informations- und Kompetenzzentrum – Ausstiegshilfen Rechtsextremismus“ (IKARus) koordiniert und steuert als zentraler Anlaufpunkt die Einsätze Mobiler Interventionsteams. Das Ziel: schnell, unbürokratisch und professionell Hilfe in akuten Krisensituationen mit rechtsextremem, fremdenfeindlichen oder antisemitischem Hintergrund an den Ort zu bringen. Betroffene und Hilfesuchende erhalten unter der zentralen Telefonnummer 0611. 83 44 83 Rat und Unterstützung.


Mitglieder des Beratungsnetzwerks

Beratungsnetzwerke in der Praxis: Das Beispiel Hessen

Wie die Zusammenarbeit staatlicher und nicht-staatlicher Instanzen funktionieren kann, zeigt das Beratungsnetzwerk Hessen. 25 Mitgliedsorganisationen arbeiten hier seit 2007 eng zusammen.

Von Ulrike Pape

Auch in der Koordination fließt Expertenwissen zusammen. Dies beweisen die beiden Landeskoordinatoren in persona: Wilfried Rexroth mit seiner Ansiedlung beim Landeskriminalamt und Reiner Becker als Wissenschaftler an der Marburger Universität.
Als das Beratungsnetzwerk 2007 seine Arbeit aufgenommen hat, schickten die beiden Landeskoordinatoren Rexroth und Becker zunächst ausschließlich feste Interventionsteams zu den Einsätzen – Spezialisten im Bereich Sportjugend, politische Bildung, Gewerkschaft, Bürgerinitiativen oder Aussteigerprogramme. Diese fünf Experten-Teams gibt es noch immer, mit gewachsenem Erfahrungsschatz werden sie aber fachübergreifend aktiv und sind damit entsprechend dem Grundgedanken des Bundesprogramms individuell auf den jeweiligen Fall zugeschnitten. Am meisten Kooperationen kamen zuletzt mit den Polizisten vom Team Ikarus zustande. Das steht für „Informations und Kompetenzzentrums-Ausstiegshilfen Rechtsextremismus“ und hat sich auf Aussteiger aus der rechten Szene und Elternberatung spezialisiert – mit Erfolg, resümiert Becker, gerade weil die Polizeibeamten mehr Möglichkeiten hätten, an Informationen heranzukommen, aber gleichzeitig offen für private Initiativen seien.

Teamwork: Öffentliche und private Initiativen gehen Hand in Hand

Vorreiter sind die Hessen auch in Punkto Qualitätskontrolle: Fast 100 Beratungsfälle hat Landeskoordinator Reiner Becker in den vergangenen zwei Jahren analysiert und miteinander verglichen – eine bisher einmalige Form der Dokumentation. Ziel ist, die Menschen durch die Beratungsarbeit zu befähigen, selbst aktiv zu werden und so aus eigener Kraft einen Schritt weiterzukommen, erläutert Reiner Becker. „Dazu müssen wir wissen, was bei den Einsätzen genau vor sich geht, Fehler und Probleme erkennen und daraus lernen.“ Nicht ohne Grund hat sich das hessische Beratungsnetzwerk als erstes bundesweit für ein Testierungsverfahren angemeldet und stellt damit seine eigenen Qualitätsstandards auf den Prüfstand.
Eine genaue Anleitung, wie Beratungsfälle erfasst und dokumentiert werden, hat Reiner Becker im „Handbuch der mobilen Beratung“ festgehalten, das er gemeinsam mit Wilfried Rexroth allen Mitgliedern ständig aktualisiert zur Verfügung stellt. „Wir beraten die Berater“, sagen die beiden Sozialwissenschaftler, dies jeder auf seine Art und Weise: Während Rexroth über die konkrete Beratungsarbeit entscheidet, ist Becker für die Dokumentation des Beratungsprozesses zuständig, also die Auswertung von Rückmeldungen der Berater und von Fragebögen, in denen die Beratenden ihre Eindrücke wiedergeben.

Der Schlüssel zum Erfolg: Konsequenz und klare Prinzipien

Die Hessen verfolgen bei ihrer Beratungsarbeit einen offenen moderierenden Ansatz, wie Becker erläutert: Wichtig sei immer die „Orientierung an den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Beratungsnehmer“. Das heißt, ihnen nichts aufzudrängen und die gegensätzlichen Interessen zu respektieren, so schwer dies auch fallen mag: „Die Berater dürfen nicht zu Aktivisten werden. Sie müssen einsehen: Beratung geht nicht ohne Klient!“ Genauso müssten aber auch die „Klienten“ akzeptieren, dass das grundlegende Prinzip ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ ist, wie Becker klarstellt: „Wir sind keine Event-Manager!“

Allerdings seien nicht nur die kritischen, sondern gerade auch die zahlreichen positiven Rückmeldungen wertvoll, etwa zur fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Landeskoordinierungsstelle, Beratungsteams und Beratenden, wie der Sozialwissenschaftler betont: „Sie zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“

Hessen: Nicht einfach unter den Teppich kehren

Treffpunkt für acht Jugendliche in Hessen ist nicht mehr das Jugendzentrum im Dorf, sondern ein verlassener Bauwagen. Hier hören sie Musik mit rechtsextrem ausgerichteten Texten und schmieden Pläne. Ihr nächstes Projekt: bei einer türkischen Hochzeit aufmarschieren und sie „ordentlich aufmischen“. Davon bekommt ein anderer Jugendlicher mit und fragt den Jugendpfleger um Rat. Der meldet das sofort dem Beratungsnetzwerk Hessen, das die Polizei einschaltet. Die kann den Auftritt der Jugendlichen auf der Hochzeit gerade noch verhindern. Gegen sie wird ermittelt, die Staatsanwaltschaft schaltet sich ein.
„Man hätte es jetzt auch dabei belassen können“, sagt Wilfried Rexroth vom Beratungsnetzwerk in Hessen. Aber was steckt hinter dem Verhalten der Jugendlichen? Wie stehen Eltern, Lehrer und alle anderen im unmittelbaren Umfeld dazu? „Genau hier setzt unsere Arbeit an“, erläutert der Sozialwissenschaftler, „Wir wollen die Menschen zum Reden bringen, zum Diskutieren, zum Nachdenken – damit nichts einfach unter den Teppich gekehrt wird.“

Rechtsextremistische Vorfälle kann es überall geben
Mit über 30 Mitgliedern aus öffentlichen und privaten Initiativen, Organisationen und Anlaufstellen ist das Beratungsnetzwerk für Wilfried Rexroth „ein Pool an Wissen und Kapazitäten, um in einer Krisensituation zielgerichtet intervenieren und wirksam handeln zu können“. Fünf Mobile Interventionsteams stehen dem Beratungsnetzwerk in Hessen zur Seite.
Im besagten Fall ist das Team IKARus gefragt: Das „Informations- und Kompetenzzentrum Ausstiegshilfen Rechtsextremismus“ hat sich auf Fälle mit strafrechtlichem Hintergrund spezialisiert. Hier sind Wilfried Rexroth und zwei Polizisten feste Mitglieder, bei Bedarf unterstützen sie weitere Fachleute aus dem Expertenpool.
Erster Schritt vom Team IKARus: Ein Gespräch mit dem Gemeinderat und dem Bürgermeister: Wie soll das Dorf mit einem Fall wie diesem umgehen? Welche Notwendigkeiten ergeben sich jetzt daraus? Wilfried Rexroth: „Wichtig ist, dass die örtlichen Akteure akzeptieren, dass es Vorkommnisse mit rechtsextremistischem, antisemitischem oder fremdenfeindlichem Hintergrund überall geben kann, also eben auch bei ihnen, und dass damit produktiv umgegangen wird.“

Lernen, sich dem Problem zu stellen
Wer ist verantwortlich? Keine Frage, in erster Linie die acht Jugendlichen. Für sie sieht die Staatsanwaltschaft die Teilnahme an einem internationalen Jugendcamp vor, sowie Tätigkeiten in der jüdischen Gemeinde. Doch auch die Eltern werden in den Beratungsprozess eng eingebunden, außerdem der Bürgermeister, die örtlichen Vereine und die Schule. In den Gesprächen wird die Dringlichkeit der Intervention deutlich. So berichten Lehrer und Schulleiter von wiederholten Versuchen rechtsextremer Einflussnahme im Schulbereich. Diese Aktivitäten der rechtsextremen Szene aufzuspüren und zu bekämpfen, ist erklärtes Ziel von Wilfried Rexroth und seinen Kollegen und Kolleginnen im Beratungsnetzwerk.
In diesem Fall veranstaltet das Team IKARus zusammen mit den Menschen am Ort Diskussionsrunden und Informationsabende in den Räumen der Gemeinde und der Vereine des Orts, außerdem Projekttage an der Schule zum Thema Rechtsextremismus.
Nach einem halben Jahr ist die Intervention selber abgeschlossen. Was in der Gemeinde bleibt, sind sensibilisierte und aufmerksame Menschen. „Sie würden uns wieder rufen“, ist sich Wilfried Rexroth sicher, „Aber sie haben auch gelernt, wie sie selber mit solchen Problemen fertig werden können.“ Eins ist klar: Auf jeden Fall nicht einfach unter den Teppich kehren.

Logo der Stiftung Demokratische Jugend

Die Informationsplattform der Zentralstelle kompetent. für Demokratie in der Stiftung Demokratische Jugend wird gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms kompetent. für Demokratie - Beratungsnetzwerke gegen Rechtsextremismus.

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