Christel Hopf, Peter Rieker, Martina Sanden-Marcus, Christiane Schmidt
Weinheim und München 1995, Juventa, 215 S.
Auf das Erscheinungsjahr blickend, erscheint die Studie „Familie und Rechtsextremismus“ sicherlich nicht mehr aktuell. Trotzdem lohnt sich ihre Lektüre immer noch, denn das empirische Feld zur Bedeutung der Familie in der Herausbildung von rechtsextremen Einstellungen ist nach wie vor kaum bestellt. Die Autoren verfolgen die Frage, wie sich die frühen sozialen Erfahrungen, die in der Familie gemacht wurden und individuell verschieden bis in die Gegenwart nachwirken, auf die Anfälligkeit für rechtsextreme Neigungen auswirken. Die Qualität der elterlichen Bindung stellt sich dabei als entscheidender Faktor heraus.
Zentraler theoretischer Ausgangspunkt der Wissenschaftler sind die erst in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland bekannter gewordenen Ansätze der sogenannten Bindungsforschung. Diese geht von dem Modell der Bindung in der frühen Mutter/Eltern-Kind-Beziehung aus und nimmt dabei an, dass die Qualität der frühen Bindungserfahrungen prägend für das ganze Leben ist. Die Forscher führten jeweils drei Interviews mit 25 jungen Männern im Alter von 17 bis 25 Jahren. Sie wurden nach aktuellen sozialen Beziehungen innerhalb und außerhalb der Familie, nach sozialen Beziehungen in der Kindheit und schließlich nach ihrer heutigen politischen und sozialen Orientierung befragt.
Negative Bindungserfahrungen prägen
In ihrer qualitativen Untersuchung kommen die Autoren zu dem zentralen Befund, dass sich ein enger Zusammenhang zwischen Jugendlichen, deren Bindungserfahrungen zu ihren Eltern von schmerzhaften und verletzenden Erlebnissen geprägt ist, und ihren rechtsextremistischen Orientierungen finden lässt. Rechtsextreme Gewalt und Gewalttoleranz stellen dabei eine auf Ersatzobjekte verschobene Aggression dar, oftmals einhergehend mit der Abwertung der elterlichen Bindungsfigur. Daneben spielen auch die „verstrickten“ Formen solcher Bindungserfahrungen eine Rolle. Rechtsextreme Orientierungen und Aktivitäten sind hier nicht Ersatz, sondern eine Fortsetzung der „verstrickten“ Versuche, den Eltern zu miss- oder gefallen, als widersprüchliches Nebeneinander von Identifizierung und Abgrenzung. Fortgesetzte Konflikte mit den Eltern richten sich dann auffälligerweise gegen Minderheiten und Außenseiter. 16 von 25 interviewten Jugendlichen konnten diesen beiden Typen zugeordnet werden. Sie weisen dabei eine „deutliche“ bzw. „eher“ rechtsextreme Orientierung auf.
Jugendliche, die dagegen von positiven Bindungserfahrungen berichten konnten, sind „eher“ oder „deutlich“ t nicht rechtsextrem orientiert. Diese Jugendlichen haben im Vergleich zu rechtsextremen Jugendlichen häufiger eine liebevolle und verlässliche Mutter als Bindungsperson erlebt. Die Bindung zu den Vätern wurde aber von allen Jugendlichen als eher durchschnittlich bewertet. Das Fazit dieser Studie lautet: „Es sind nicht einfach negative, familiale Erfahrungen in der Kindheit, die bei der Herausbildung rechtsextremer und autoritärer Orientierungen bedeutsam sind, sondern die subjektiven Umgangsweisen mit den Beziehungserfahrungen“.