Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.)
Frankfurt am Main, Suhrkamp 2002-2008.
Seit 2002 untersucht eine Bielefelder Forschergruppe um den Soziologen Wilhelm Heitmeyer mithilfe von jährlichen Repräsentativbefragungen das Syndrom der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“(GMF). Die Ergebnisse des Forschungsprojekts, welches als Langzeitstudie über einen Zeitraum von zehn Jahren angelegt ist, werden jährlich in dem Band „Deutsche Zustände“ veröffentlicht. Heitmeyer stellt damit einen gesellschaftlichen Klimareport vor, der unabhängig von Einzelereignissen die fortwährende Entwicklung gesellschaftlicher Vorurteile abbildet.
„Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“: Damit sind Personen gemeint, die aufgrund gewählter oder zugewiesener Gruppenzugehörigkeit von der Mehrheitsgesellschaft als ungleichwertig markiert und somit „feindseligen Mentalitäten“ ausgesetzt werden. Das GMF-Syndrom besteht aus nunmehr zehn Elementen: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Homophobie, Abwertung von Obdachlosen, Abwertung von Behinderten, Islamophobie, Etabliertenvorrechte, Sexismus und, seit 2008, Abwertung von Langzeitarbeitslosen – Elemente, die sich z.T. auch in rechtsextremistischen Ideologien wiederfinden. Heitmeyer und seine Mitarbeiter befragen dazu jährlich etwa 3000 Personen. Der aktuelle Band ist in vier Teile gegliedert.
Im ersten Abschnitt wird ein allgemeiner Überblick über die Entwicklung des GMF-Syndroms gegeben. Vertiefende Analysen der empirischen Ergebnisse werden im zweiten Abschnitt vorgenommen. Hier werden einzelne Elemente des GMF-Syndroms mit theoretischen Erklärungskonzepten wie Anomie, Autoritarismus, Soziale Desintegration u.a. untersucht. Im dritten und vierten Teil illustrieren schließlich einzelne Fallgeschichten, Dokumentationen, Reportagen und Interviews die verschiedenen Facetten der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“.
Der Report habe zum Ziel, so Heitmeyer, regelmäßig und unabhängig von dramatischen Ereignissen den „klimatischen Zustand“ dieser Gesellschaft zu eruieren. Die humane Qualität einer Gesellschaft erkenne man nicht an Ethikdebatten in Feuilletons meinungsbildender Printmedien oder in Talkshows, sondern am Umgang mit schwachen Gruppen, so der Autor.
Und hierin liegt die Besonderheit der „Deutschen Zustände“: Im Unterschied zu anderen repräsentativen Studien, die nur zu einem Zeitpunkt erhoben werden, lassen sich erst mit solchen aufwendigen Längschnittanalysen Veränderungen oder Verstetigungen im Reservoir gesellschaftlicher Vorurteile abbilden.