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Beratungsnetzwerk Berlin

Das Beratungsnetzwerk in Berlin besteht aus mehr als 25 Expertinnen und Experten von Berliner Universitäten, aus Berliner Verwaltungen, Beratungsfachdiensten und Vereinen. Deren Akteure betreiben in einem professionellen Rahmen Beratungs- und Projektarbeit im Bereich Rechtsextremismus, Rassismus und/ oder Antisemitismus. Es handelt sich damit um ein „Kompetenzzentrum". Der Integrationsbeauftragte des Senats koordiniert das Beratungsnetzwerk. Zur Klärung von Beratungsbedarfen zu rechtsextremer Gewalt und rechtsextremen Erscheinungsformen oder für Hilfen in akut bedrohlichen Situationen im Zusammenhang mit Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus stehen zwei Erstkontaktstellen zur Verfügung: Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus (MBR) und die Opferberatungsstelle ReachOut.


Mitglieder des Beratungsnetzwerks

Entwaffnete Moscheebaugegner

In Duisburg scheiterte am 28. März weitgehend der Versuch von Rechtspopulisten und NPD, einen Sternmarsch gegen eine neue Moschee im Stadtteil Marxloh durchzuführen. Mehrere tausend Anwohner/-innen nahmen die Merkez-Moschee in Schutz, unterstützt von Kirchen, Parteien und Gewerkschaften. Federführend war das Duisburger Bürgerbündnis: "Duisburg stellt sich quer". Erfolgreiche Ideen, wie man schon im Vorfeld Konflikte um Moscheebauten minimieren kann, kommen indessen auch aus Berlin. Dort setzt das Mobile Beratungsteam „Ostkreuz“ auf frühzeitige Intervention und Transparenz und entwickelte ein Modellrezept.

Von Holger Kulick

Angstmache, die in Mode kommt: Plakate zeigen eine durchgestrichene Moschee oder Aufkleber die Parolen "Minarettverbot auch hier!", "Maria statt Scharia" oder "Abendland in Christenhand". Ob in Duisburg-Marxloh, Völklingen-Wehrden oder Frankfurt-Hausen - in vielen Orten in der Bundesrepublik wird auf diese Weise Stimmung gegen neue und geplante Moschee-Bauten gemacht. Oft heizen die rechtsextreme NPD oder Rechtspopulisten aus Gruppierungen wie PRO-KÖLN oder pro-NRW solche Debatten an, auch um ihre um ihre abgegriffenen "Ausländer raus"-Rassismen neu zu verkleiden. So heißt es unter der Überschrift "Niemals deutsches Land in Moslemhand" auf der Homepage der Duisburger NPD: "Keine hiesige Ausländergruppe erzeugt bei den Deutschen so viel Unbehagen wie die fremdartigen Moslems. Der Kampf gegen die Islamisierung ist deshalb der Türöffner für weitergehende ausländerpolitische Forderungen der nationalen Opposition“. Mitunter sind es aber auch parteiungebundene Bürgerinitiativen, die mit Verve gegen Moscheeneubauten zu Felde ziehen – oft aus Mangel an Sachwissen und Transparenz.

Da überrascht es, im Internet auf eine keineswegs hetzerische Webseite wie diese zu stoßen: www.moscheebau-in-berlin.de, eingerichtet vom Mobilen Beratungsteam "Ostkreuz" der Stiftung Sozialpädagogisches Institut Berlin (SPI). Dort finden Interessierte Rat, wenn vor Ort eine solche Debatte emotional zu entgleisen droht, dargestellt an einem falltypischen Szenario. Der Ausgangspunkt: Städtische Behörden genehmigen einem islamischen Verein den Bau einer Moschee in einem Gebiet, in dem bislang kaum Muslime leben und Vorurteile folglich um so größer sind. Die Schilderung basiert auf realen Erlebnissen in den Jahren 2006 und 2007.

Fallstudie Heinersdorf

Im Ostberliner Stadteil Pankow-Heinersdorf hatte ein islamischer Verein, die Ahmadiyya Gemeinde, einen positiven Bescheid auf eine Bauvoranfrage erhalten, ausgerechnet dort eine Moschee zu errichten, wo bislang kaum gläubige Muslime lebten. Schnell machte sich vor Ort Unruhe breit. Fast wöchentlich gab es von Bürger/-innen Protestaktionen, in der Lokalpresse sammelten sich empörte Leserbriefe und eine Bürgerversammlung platzte aus allen Nähten. Sie musste abgebrochen werden. Zwar mischte dabei auch die NPD als Trittbrettfahrer mit, aber die wesentlichen Träger des Protests stammten aus lokalen bürgerlich hoch angesehenen Milieus., darunter ein populärer Pfarrer, ein Apotheker, und eine Lehrerin. Zum Tonangeber wurde eine eigens gegründete "Interessengemeinschaft Heinersdorfer Bürger" (IPAHB).

War jetzt Deeskalation überhaupt noch möglich? Ein Notruf aus der Verwaltung erreichte das „Mobile Beratungsteam Ostkreuz für Demokratieentwicklung, Menschenrechte und Integration“. Das Team der Berliner Stiftung SPI, finanziell unterstützt vom Integrationsbeauftragten des Berliner Senats und vom Bundesprogramm „kompetent. für Demokratie“, hatte bereits in Berlin- Kreuzberg gute Erfahrungen bei der Vermittlung von interreligiösen Dialogen gesammelt

„Auf gleicher Augenhöhe“

„Ganz am Anfang stand eine umfangreiche Sozialraumanalyse“, berichtet Ostkreuz-Leiter Carl Chung. Gezielt wurde das Gespräch mit den wesentlichen Multiplikator/-innen auf allen Seiten gesucht, stets offenen Ohres, nicht belehrend, „so neutral wie möglich“ und „auf gleicher Augenhöhe“, wie Chung betont, um gemeinsam Lösungsansätze zu finden. In kleinen Gruppen wurden Gesprächskreise iniitiiert, Gäste eingeladen, sachlich berechtigte Kritik an der Gemeinde vorgetragen - und an der Verwaltung. Hier kristallisierte sich eine wesentliche Konfliktursache heraus: Viele Bürger/-innen hatten schlicht das Gefühl, übergangen worden zu sein und bemängelten kommunale Demokratie-Defizite. Am Konfliktfall Ahmadiyya Gemeinde entlud sich schlicht ein tief sitzenderer Bürger-Frust.

Genau hier erkannten die Ostkreuz-Akteure einen Handlungsansatz. Wie kann es gelingen, zivilgesellschaftlichen Protest in konstruktives zivilgesellschaftliches Engagement zu transformieren, das Extremisten den Nährboden raubt? Ostkreuz regte im November 2006 eine Zukunftswerkstatt für Heinersdorf an, verbunden mit der Gründung eines neuen Bürgervereins mit dem positiv besetzten Titel „Heinersdorf öffne Dich“. Die Folge: Der zunehmend rechtspopulistischen Bürgerinitiative IPAHB wurde das Meinungsmonopol genommen, zum neuen Bürgeranwalt wurde die www.zukunftswerkstatt-heinersdorf.de. Was dabei auffiel: Neonazis verloren allmählich ihr Interesse.

Lehrreiche Hilfe zur bürgerschaftlichen Selbsthilfe

Schon bald stand die neue Initiative aus der Bürgerschaft auf eigenen Beinen, so dass sich „Ostkreuz“ peu a peu wieder aus dem Projekt herausziehen konnte – die „Hilfe zur bürgerschaftlichen Selbsthilfe“ war erfolgreich erteilt, Toleranz und Selbstkritik wuchsen. Lehren zog dabei auch die islamische Ahmadiyya Gemeinde. Sie reagierte in ihrer Selbstdarstellung auf Anregungen und Kritik, konzipierte ein bügernäheres und offeneres Haus, als ursprüglich geplant und ließ sich in das neu entstandene „gemeinwesenorientierte Netzwerk“ von Heinersdorf integrieren. Eine erfreuliche Folge: Polizeischutz wurde überflüssig.

Ostkreuz wiederum zog Lehren aus dem Heinersdorfer Fall für zukünftige, ähnliche Konflikte und überrnahm sogleich im Berliner Stadtteil Charlottenburg eine neuerliche Vermittlerrolle in einem ähnlichen Fall. Eine Grunderkenntnis aus der Sicht von Carl Chung: „Der interreligiöse Dialog muss möglichst frühzeitig beginnen und Moschee-Planungen dürfen nicht heimlich vorangetrieben werden“. Es gelte, offen alle Betroffenen frühzeitig ins zu Boot holen, „das Thema auf diese Weise zu besetzen“ und so versachlicht dafür zu sorgen, dass Bürgerprotest nicht mehr in jener Form eskaliert, wie 2006 in Heinersdorf.

Moderator – nicht Dirigent

Funktioniert diese „produktive Früherkennung“, wie Carl Chung es definiert, verlieren Verschwörungstheorien und Demokratiefrust schnell den Rückhalt, aus dem Extremisten ihren Nutzen ziehen. „Wer es nicht schafft, von vornherein im offenen gesellschaftlichen Dialog Tacheles zu reden, bekommt später unangenehme Folgen zu spüren“, mahnt Chung. Wer dagegen kritischen Dialog frühzeitig beginne, „nimmt Rechtspopulisten die Ansatzpunkte und Anwohnern und Anwohnerinnen das Gefühl, hinters Licht geführt zu werden“.

Als besonders positives Beispiel einer solchen gelungenen Sozialraumintegration gilt die Merkez-Moschee in Duisburg-Marxloh. Eine Massenmobilisierung war für NPD und die rechtspopulistische pro-NRW-Bewegung weder zur Eröffung im Oktober 2008 noch jetzt im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf möglich, stattdessen schützten 5000 Duisburger und Duisburgerinnen das islamische Gebetshaus, darunter Mitglieder/-innen der benachbarten christlichen Kirchen. Deren Pfarrer verteilten eigens gedruckte Postkarten mit dem Slogan „Respekt – Toleranz – Fairness“ über dem Foto einer Menschenkette: Hand in Hand zeigen sich ein Weihbischof, ein muslimischer Imam und Gläubige aus unterschiedlichen Religionen.

Bistum Essen



Berlin: Von wegen anonyme Großstadt

Auf einer großen Berliner Einkaufsstraße macht ein neues Geschäft auf: Kleidung und Musik soll es hier zu kaufen geben. Was zunächst harmlos klingt, macht schon bald die Ladenbesitzer nebenan stutzig. Die Kunden sind offenbar der rechten Szene zuzuordnen – zumindest ihrem Outfit nach. Handelt es sich also um einen „Nazi-Laden“? Wie lässt sich das erkennen? Was wird aus dem Kiez, wenn hier immer mehr rechtsextremes Publikum ’rumläuft?

In einem anderen Berliner Bezirk häufen sich vor Schulen und Jugendclubs die Werbezüge rechtsextremer Kameradschaften. Hier verteilen sie Gratis-CDs mit rechter Musik oder die Schülerzeitung der NPD. Lehrer und Betreuer sind unsicher: Wie sollen sie darauf reagieren? An wen können sie sich jetzt wenden? Wirkt es nicht wie ein Schuldeingeständnis, wenn sie gleich die Behörden benachrichtigen?

Fragen und Probleme, mit denen sich besorgte Berliner an die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus wenden. Die ist Erstkontaktstelle im Beratungsnetzwerk beim Beauftragten des Berliner Senats für Integration und Migration. Je nach Fall stehen den Hilfesuchenden hier Sozialwissenschaftler, Mediatoren und andere Fachleute zur Seite. Ihre mobilen Einsatzteams hören zu, informieren und beraten: „Brücken bauen“, nennt das Lorenz Korgel vom Berliner Beratungsnetzwerk, „Wir wollen erreichen, dass sich die Leute zusammentun und selber etwas auf die Beine stellen.“

Initiativen sind zum Beispiel regelmäßige Treffen, bei denen die Menschen mehr über die Symbole rechtsextremer Gruppierungen erfahren und sich austauschen können. Die Mobilen Einsatzteams können auf Unterstützung und Hilfe des Berliner Beratungsnetzwerkes zählen, mit über 25 Experten aus Wissenschaft, Verwaltung, Polizei und Vereinen.

Am Ende entpuppt sich das Mode- und Musik-Geschäft vielleicht als ungefährlich oder es gelingt den Anwohnern, den Hauseigentümer dazu zu bringen, den Vertrag mit dem Ladenbesitzer zu kündigen. An den Schulen und in den Jugendclubs haben Lehrer Schulungen auf die Beine gestellt. Hier lernen sie, wie sie vor den Jugendlichen gegen die Sprüche und Aktivitäten rechtsextremer Gruppierungen argumentieren können.

„Oft wissen die Leute gar nicht, wozu sie alles im Stande sind“, berichtet Korgel. Dabei sei Kommunikation alles: „Manchmal hapert es nur daran, dass sie den richtigen Ansprechpartner noch nicht kennen, der auf dem jeweiligen Gebiet schon mal aktiv war und ihnen weiterhelfen kann.“

Eine weitere Erstkontaktstelle des Berliner Beratungsnetzwerkes ist „ReachOut“, die sich speziell an Opfer rechtsextrem-motivierter Angriffe richtet. Wie der Name vermuten lässt, gehen die Mitarbeiter hier gezielt auf Betroffene zu und bieten ihre Hilfe an. „Das ist manchmal gar nicht so einfach, die Opfer überhaupt ausfindig zu machen“, erzählt Korgel, „Hilfreich ist da die Kooperation der Opferberatung mit der Polizei.“ Auch mit einer Traumatherapeutin arbeitet die Beratungsstelle zusammen: Sie steht den Opfern zur Seite, damit sie nach und nach wieder selbstständig und selbstbewusst in den Alltag zurückkehren können.
Bei „ReachOut“ geht es neben Sozial- und Rechtsberatung vor allem darum, den Betroffenen die Angst zu nehmen und sie zu unterstützen, ihren Interessen Gehör zu verschaffen. Wichtig ist den Opfern z.B., dass sie nicht allein sind und sich die Menschen im Stadtviertel mit ihnen solidarisieren. So findet sich meist jemand, an den sie sich wenden können – sollte so etwas wieder passieren – zum Beispiel der Bäcker in ihrer Straße oder jemand aus ihrem Haus, den sie bisher nur vom Sehen kannten.

„Die Berliner sind auf zack“, ist Korgels Erfahrung bislang, „Wenn hier was passiert, wissen alle gleich Bescheid und fragen auch verstärkt nach Hilfe.“ Von wegen anonyme Großstadt also: Das Beratungsnetzwerk bringt die Menschen zusammen.

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Die Informationsplattform der Zentralstelle kompetent. für Demokratie in der Stiftung Demokratische Jugend wird gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms kompetent. für Demokratie - Beratungsnetzwerke gegen Rechtsextremismus.

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